Sanofis schmerzhafte Neuausrichtung

von Adrian Kempf | 04.09.2026 | Branchentrends

Wie eine neue CEO drei Blockbuster-Hoffnungen beerdigt

Ein Führungswechsel, drei gescheiterte Spätphasen-Programme und eine tickende Patent-Uhr: Wie Sanofi versucht, sich neu aufzustellen, bevor der eigene Blockbuster Dupixent ins Visier der Biosimilar-Konkurrenz gerät

Wenn ein Pharmakonzern innerhalb weniger Monate gleich drei fortgeschrittene klinische Entwicklungsprogramme beerdigt, den Vorstandsvorsitzenden austauscht und zusätzlich die Führung der Forschung und Entwicklung neu besetzt, ist das selten Zufall – meist ist es das sichtbare Ergebnis einer tieferliegenden strategischen Krise. Genau das durchläuft der französische Pharmakonzern Sanofi im Jahr 2026: ein umfassender Kurswechsel, der sich unmittelbar aus einer Serie enttäuschender Studienergebnisse und der wachsenden Sorge um die Zeit nach dem Patentschutz des eigenen Blockbusters Dupixent speist.

Der Führungswechsel: Ein Aufsichtsrat verliert die Geduld

Im Februar 2026 entschied der Sanofi-Aufsichtsrat, das Mandat von CEO Paul Hudson nicht zu verlängern – nach Einschätzung von Branchenbeobachtern eine direkte Folge einer Serie öffentlichkeitswirksamer klinischer Rückschläge, die das Vertrauen in die Entwicklungspipeline des Konzerns erschüttert hatten. An seine Stelle trat im April 2026 Belén Garijo, zuvor CEO des deutschen Pharma- und Life-Science-Konzerns Merck KGaA. Sanofi begründete die Personalentscheidung damit, dass Garijo der Umsetzung der Unternehmensstrategie mehr Disziplin verleihen solle – mit Verbesserungen bei Forschungsproduktivität, Governance und Innovationskraft als erklärten Prioritäten.

Garijo blieb es nicht bei einem einzelnen Personalwechsel: Kurz nach ihrem Amtsantritt löste sie auch den bisherigen Forschungschef Houman Ashrafian ab. Als dessen Nachfolger holte sie mit Paulo Fontoura einen ehemaligen Roche-Manager an Bord, der die Leitung der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung im September 2026 übernehmen sollte. Zusätzlich reorganisierte Sanofi im Juli 2026 sein Führungsgremium – nach Unternehmensangaben mit dem Ziel, Geschäftsentwicklung und Fusionen/Übernahmen stärker integriert zu steuern. Garijo selbst kündigte an, dass das neue Führungsteam disziplinierter entscheiden und die getroffenen Entscheidungen konsequenter umsetzen solle.

Die Studien-Bilanz: Drei Rückschläge, ein gemeinsames Muster

Der Handlungsdruck, der zum Führungswechsel führte, lässt sich an einer Reihe konkreter klinischer Enttäuschungen festmachen, die Hudsons letzte Amtszeit prägten.

Amlitelimab bei Neurodermitis – der prominenteste Fall: Der monoklonale Antikörper (Wirkstoffcode SAR445229, ursprünglich KY1005), der über die 2021 abgeschlossene 1,1-Milliarden-Dollar-Übernahme von Kymab ins Sanofi-Portfolio gelangt war, sollte einst bis zu 5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatzpotenzial bei atopischer Dermatitis (Neurodermitis) bergen. Am 24. Juli 2026 gab Sanofi bekannt, den Wirkstoff für diese Indikation nicht zur globalen Zulassung einzureichen. In der offiziellen Mitteilung des Unternehmens heißt es wörtlich, die Gesamtheit der bisher generierten Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten rechtfertige keine weitere Entwicklung des Wirkstoffs bei Neurodermitis – amlitelimab stelle keine bedeutsame Verbesserung gegenüber dem bestehenden Behandlungsstandard dar. Zwar hatte die Phase-3-Langzeitstudie ESTUARY (Studienkennung NCT06407934) bei Patienten ab 12 Jahren ein anhaltendes klinisches Ansprechen ohne Rückfall gezeigt, doch die Wirksamkeit blieb hinter Sanofis eigenem Erfolgsprodukt Dupixent zurück, wie mehrere Analysten anmerkten. Bereits zuvor war eine Entwicklung bei Asthma nach einem gescheiterten Phase-2-Ergebnis eingestellt worden; eine Studie bei Zöliakie läuft nach aktuellem Stand weiter, mit Ergebnissen für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet. Finanziell schlug die Entscheidung mit einer Wertberichtigung von 952 Millionen Euro zu Buche – Teil einer Gesamtwertberichtigung von 1,031 Milliarden Euro im zweiten Quartal 2026.

Itepekimab bei COPD – der zweite bedeutende Rückschlag: Der gemeinsam mit Regeneron entwickelte IL-33-Antikörper sollte ursprünglich chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) sowie chronische Rhinosinusitis behandeln. Nach gründlicher Analyse der Ergebnisse aus den beiden Phase-3-Studien AERIFY-1 (Studienkennung NCT04701983) und AERIFY-2 (Studienkennung NCT04751487), die im Mai 2025 ausgelesen wurden, sowie unter Berücksichtigung der veränderten Wettbewerbslandschaft entschieden sich Sanofi und Regeneron, die Entwicklung bei COPD nicht weiterzuverfolgen – mit der Konsequenz, dass sämtliche Studien zur chronischen Rhinosinusitis ebenfalls eingestellt wurden.

Balinatunfib bei Psoriasis und Morbus Crohn – der dritte Fall: Der orale TNF-Inhibitor verfehlte in einer mittelgroßen Phase-2-Studie das Studienziel bei Plaque-Psoriasis. Zwischenanalysen zweier laufender Phase-2-Studien bei Morbus Crohn (Studienkennung NCT06637631) führten letztlich ebenfalls zur Einstellung des klinischen Entwicklungsprogramms.

CEO Belén Garijo äußerte sich beim Earnings Call zum zweiten Quartal 2026 am 30. Juli erstmals ausführlich zu ihrer Strategie: Ihre ersten Monate als CEO habe sie darauf verwendet, die Herausforderungen des Konzerns zu bewerten und eine "beschleunigte Transformations-Roadmap" zu entwickeln, mit Verbesserungen bei Forschung und Pipeline als Prioritäten. Die jüngsten Entscheidungen zu amlitelimab, itepekimab und den weiteren Programmen bezeichnete sie als erste Schritte einer umfassenderen Pipeline-Priorisierung. Ihr erklärtes Prinzip: Investitionen dort, wo die Wissenschaft am stärksten sei, der medizinische Bedarf am größten und sich nachhaltiger langfristiger Wert schaffen lasse. Unterstützt von Paulo Fontoura wolle sie zudem die Entscheidungsprozesse im Konzern vereinfachen.

Die eigentliche Dringlichkeit: Der Dupixent-Patentablauf

Der Grund, warum diese Pipeline-Rückschläge für Sanofi besonders schwer wiegen, liegt in der Abhängigkeit des Konzerns von einem einzigen Produkt. Dupixent (Dupilumab), gemeinsam mit Regeneron entwickelt und vermarktet, ist längst nicht mehr nur ein wichtiges Produkt im Sanofi-Portfolio, sondern dessen mit Abstand größter Umsatztreiber: Im ersten Halbjahr 2026 entfielen laut Branchenanalysen rund 42 Prozent des Sanofi-Gesamtumsatzes auf Dupixent – mit einem Halbjahresumsatz von 9,32 Milliarden Euro. Im zweiten Quartal 2026 allein überschritt der quartalsweise Umsatz erstmals die Marke von 5 Milliarden Euro. Bis 2030 wird mit einem Jahresumsatz von bis zu 25 Milliarden Euro gerechnet.

Genau diese Umsatzkonzentration macht den bevorstehenden Patentablauf zu einem der bedeutendsten Einzelrisiken der gesamten Pharmabranche für die frühen 2030er-Jahre. Das grundlegende Zusammensetzungspatent (Compound Patent) für Dupixent in den USA läuft nach Unternehmensangaben im März 2031 aus; zwei wichtige Verwendungspatente (Method-of-Use-Patente) waren bereits für Oktober 2030 vermerkt. Sanofi hat öffentlich einen "robusten" und "vigorosen" Patentverteidigungsplan angekündigt, der einen Schutz über das Ablaufdatum des Basispatents hinaus sicherstellen soll. Gleichzeitig ist der Wettlauf der Biosimilar-Hersteller bereits in vollem Gange: Mehrere koreanische Unternehmen – darunter Celltrion, Samsung Bioepis, Chong Kun Dang und Daewoong Pharmaceutical – entwickeln aktiv Dupixent-Biosimilars, Chong Kun Dang erhielt bereits im Januar 2026 eine Phase-1-Zulassung von EMA und der britischen MHRA.

Anders als bei klassischen niedermolekularen Arzneimitteln, bei denen ein Patentablauf oft innerhalb weniger Monate zu einem Marktanteilsverlust von 80 bis 90 Prozent führt, verläuft der Wettbewerbsdruck bei Biologika wie Dupixent typischerweise langsamer – Biosimilars lassen sich in den meisten Märkten nicht automatisch in der Apotheke gegen das Originalpräparat austauschen, sondern erfordern eine ärztliche Verordnungsentscheidung. Dennoch ordnen Branchenanalysten Dupixent als eines der zentralen Beispiele des sogenannten "Patentklippen"-Phänomens ein, das die Branche zwischen 2025 und 2032 in einer historisch beispiellosen Größenordnung treffen wird: Schätzungen zufolge stehen in diesem Zeitraum branchenweit zwischen 236 und 350 Milliarden US-Dollar an Markenumsatz zur Disposition.

Die Gegenstrategie: Zukäufe als Antwort auf die Pipeline-Lücke

Bereits vor dem aktuellen Führungswechsel hatte Sanofi begonnen, die drohende Umsatzlücke über gezielte Akquisitionen zu schließen – eine Strategie, die Garijo nun fortführt und offenbar disziplinierter steuern soll. Im Juni 2025 kündigte der Konzern die Übernahme von Blueprint Medicines an, einem auf systemische Mastozytose (eine seltene immunologische Erkrankung) spezialisierten Unternehmen, für die der Deal im Juli 2025 abgeschlossen wurde. Die Akquisition brachte Sanofi das bereits zugelassene Präparat Ayvakit/Ayvakyt (Avapritinib) sowie eine vielversprechende frühere Entwicklungspipeline in der Immunologie ein, darunter den Nachfolgewirkstoff Elenestinib (in einer zulassungsrelevanten Phase-2/3-Studie) sowie BLU-808, einen oralen KIT-Inhibitor mit Potenzial in mehreren immunologischen Indikationen. Nach Unternehmensangaben soll die Übernahme ab 2026 positiv zu Bruttomarge, operativem Ergebnis und Gewinn je Aktie beitragen.

Parallel erweiterte Sanofi sein Impfstoffportfolio durch die Übernahme von Dynavax sowie zuvor Vicebio – im zweiten Quartal 2026 wuchsen die Umsätze in der Polio-, Pertussis- und Hepatitis-B-Impfstoffkategorie um 77,2 Prozent, was maßgeblich auf die Einbindung des neu erworbenen Produkts zurückzuführen war. Zusätzlich sicherte sich der Konzern über die Übernahme von Vigil Zugang zu einem Alzheimer-Wirkstoffkandidaten sowie über eine Kooperation mit Dren Bio (Wirkstoff DR-0201) eine weitere frühphasige Position in der Immunologie.

Trotz der Pipeline-Rückschläge zeigt sich in den jüngsten Zahlen ein differenziertes Bild: Sanofi meldete für das zweite Quartal 2026 einen Konzernumsatz von 11,6 Milliarden Euro – über der Analystenerwartung von 11,2 Milliarden Euro – und hob die Umsatzwachstumsprognose für das Gesamtjahr 2026 von zuvor hohem einstelligem auf rund 10 Prozent (bei konstanten Wechselkursen) an. Gleichzeitig verfehlten die Impfstoffumsätze mit 1,15 Milliarden Euro die Konsensschätzung von 1,20 Milliarden Euro, was auf eine anhaltend schwächere Nachfrage in diesem Segment hindeutet. Die Sanofi-Aktie reagierte auf die gemischten Nachrichten mit einem leichten Kursrückgang trotz der eigentlich positiven Kernzahlen – ein Indiz dafür, dass der Markt die Tiefe der Pipeline-Probleme bereits stärker eingepreist hatte, als die reinen Umsatzzahlen zunächst vermuten ließen.

Was der Fall für die Branche bedeutet

Der Sanofi-Fall veranschaulicht exemplarisch ein Muster, das sich in der Pharmabranche in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit noch häufiger zeigen wird: Konzerne, deren Umsatz stark auf ein einzelnes, alterndes Blockbuster-Produkt konzentriert ist, geraten bei ausbleibendem Pipeline-Nachschub zunehmend unter Druck – sowohl von Investorenseite als auch strukturell auf Führungsebene. Der Umstand, dass gleich drei Spätphasen-Programme innerhalb weniger Monate scheiterten, bevor der bisherige CEO das Unternehmen verlassen musste, zeigt zudem, wie eng klinische Entwicklungsrisiken und Corporate-Governance-Fragen inzwischen miteinander verknüpft sind: Ein Aufsichtsrat, der einst Forschungsrückschläge als unvermeidbares Branchenrisiko hinnahm, reagiert heute mit einem vollständigen Führungswechsel.

Für Sanofi selbst bleibt die zentrale strategische Frage ungelöst, wie viel Zeit dem Konzern tatsächlich bleibt: Der Dupixent-Patentablauf rückt in überschaubare Nähe, während die drei aussichtsreichsten internen Nachfolgekandidaten nun aus dem Rennen sind. Ob die neu zugekauften Wirkstoffkandidaten aus den Blueprint-, Dynavax- und Vigil-Übernahmen sowie eine unter Fontoura disziplinierter geführte interne Forschung die entstandene Lücke rechtzeitig schließen können, wird sich erst in den kommenden Studienlesungen der Jahre 2027 und 2028 zeigen – just in dem Zeitfenster, in dem sich die Dupixent-Patentklippe bereits deutlich abzeichnen wird.

Quellen

  1. Sanofi, Pressemitteilung, 30.07.2026 – Q2 2026: double-digit sales growth and strong business EPS growth; 2026 guidance upgraded
  2. Sanofi, SEC Form 6-K, 24.07.2026 – Sanofi announces decision not to submit amlitelimab in atopic dermatitis for global regulatory reviews
  3. Fierce Biotech, 30.07.2026 – Sanofi CEO 'looking deeply' at pipeline as clearout continues
  4. Fierce Biotech, 28.07.2026 – Sanofi abandons plan to seek approval for eczema drug from $1.1B Kymab buyout
  5. Quartz, 24.07.2026 – Sanofi drops amlitelimab eczema drug in pipeline overhaul
  6. Labiotech.eu – Sanofi pipeline 2026: new leadership, same strategy?
  7. Investing.com, 30.07.2026 – Why is Sanofi stock sliding today?
  8. Sanofi, Q2-2026-Pressemitteilung (PDF) – SANOFI PRESS RELEASE Q2 2026
  9. DCAT Value Chain Insights – Generics/Biosimilars Outlook: Major Patent Cliff Looms Large
  10. Labiotech.eu – The next pharma patent cliff: how 2026-2032 will reshape revenue
  11. DrugPatentWatch – Patent Cliff or Patent Opportunity? Mapping Blockbuster Drug Expirations for Strategic Supply Chain Readiness
  12. Korea Biomedical Review – Korean biosimilars gear up for wave of blockbuster patent expiries
  13. Life Science Daily News – Biologics on the Brink: The Patent Cliff Facing Big Pharma
  14. Sanofi, Pressemitteilung, 02.06.2025 – Sanofi to acquire Blueprint Medicines, expanding portfolio in rare immunological disease and adding early-stage pipeline in immunology
  15. Sanofi, Pressemitteilung, 18.07.2025 – Sanofi completes acquisition of Blueprint Medicines
  16. Sanofi, SEC Form 6-K, FY2025 (Kapitalallokation/Übernahmen: Blueprint, Dren Bio, Vigil, Vicebio)

Adrian Kempf
Redakteur für Pharma-Kommunikation, Grafik- und Mediengestalter, 
Kirchzarten im Dreisamtal

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