Der russische Patentstreit um Semaglutid
Wie ein zurückgezogener Konzern zum Ziel seiner eigenen Patente wird
Ein russisches Pharmaunternehmen verklagt einen der größten Konzerne der Branche – und fordert vor Gericht das Recht, gleich fünf Patente zu nutzen, die einen der umsatzstärksten Wirkstoffe der Welt schützen: Semaglutid. Was zunächst wie ein regionaler Rechtsstreit klingt, ist tatsächlich ein Lehrstück darüber, wie geopolitische Sanktionsdynamik, nationales Patentrecht und ein globaler Milliardenmarkt aufeinandertreffen – mit Folgen, die weit über Russland hinausreichen könnten.
Der Auslöser: Ein Rückzug mit Konsequenzen
Novo Nordisk stellte die Belieferung Russlands mit seinem Diabetes- und Adipositas-Wirkstoff Semaglutid schrittweise ein: Ozempic bereits im März 2023, die Tablettenform Rybelsus folgte Ende desselben Jahres. Als Begründung nannte der dänische Konzern die weltweit stark gestiegene Nachfrage und die Priorität, zunächst andere Märkte zu beliefern.
Die russische Regierung reagierte prompt. Bereits im Dezember 2023 erteilte sie Zwangslizenzen für Semaglutid-Nachbauten an die Unternehmen Geropharm und Promomed, später kam PSK Pharma hinzu. Mittlerweile sind in Russland elf Semaglutid-Analoga registriert. Geropharms eigenes Produkt Semavik hat sich dabei zum Marktführer unter den russischen Generika entwickelt – mit über einer Million verkaufter Packungen allein im ersten Jahr am Markt, zu einem Bruchteil des Originalpreises: Während eine Monatstherapie mit Semavik in Russland umgerechnet rund 44 US-Dollar kostet, liegt der Preis für das Original in den USA ohne Versicherung teils bei über 1.000 US-Dollar. Novo Nordisks Marktanteil an der russischen Semaglutid-Versorgung ist laut Branchendaten auf etwa 0,2 Prozent gesunken.
Der aktuelle Fall: Fünf Patente, ein Gericht, eine Tablette
Im Mai 2026 ging Geropharm einen entscheidenden Schritt weiter. Das Unternehmen reichte beim Moskauer Schiedsgericht (Arbitragegericht Moskau) Klage gegen Novo Nordisk ein – mit dem Ziel, eine einfache, nicht-exklusive Zwangslizenz auf eine Gruppe von fünf Patenten zu erhalten, die den tablettierten Semaglutid-Wirkstoff schützen, wie er im Original als Rybelsus vertrieben wird. Ursprünglich richtete sich die Klage auch gegen die russische Patentbehörde Rospatent, die zur Registrierung der Lizenz verpflichtet werden sollte. Im August 2026 zog Geropharm diesen Teil der Klage jedoch zurück, sodass Rospatent aus dem Verfahren als Beklagte ausschied. Die eigentliche Verhandlung gegen Novo Nordisk ist für Oktober 2026 angesetzt.
Der Fall ist kein Einzelfall, sondern reiht sich in eine bereits bestehende Rechtsprechungslinie ein: In einem vergleichbaren Verfahren erteilte das Moskauer Schiedsgericht bereits dem Unternehmen Biokhimik – Teil der Promomed-Gruppe – eine Zwangslizenz auf zwei Patente, die die Herstellung von Semaglutid-Präparaten betreffen. Novo Nordisk wurde zusätzlich verpflichtet, die Gerichtskosten der Klägerin in Höhe von 50.000 Rubel zu tragen. Das Gericht wies das Argument des Konzerns, man habe aufgrund globaler Nachfrage und vorrangiger Belieferung anderer Länder nicht liefern können, ausdrücklich zurück: Die Bevorzugung ausländischer Patienten gegenüber russischen könne unter diesen Umständen keinen triftigen Grund darstellen, die Belieferung nicht wiederaufzunehmen oder eine Lizenz zu verweigern.
Warum das mehr ist als ein Regionalfall
Für Fachleute ist an diesem Fall vor allem die rechtliche Logik bemerkenswert: Russische Gerichte drehen hier faktisch den Spieß um. Nicht die Zwangslizenznehmer müssen ihre Marktberechtigung begründen – sondern der Patentinhaber muss rechtfertigen, warum er sein eigenes Schutzrecht nicht durch Lieferung ausübt. Ein Konzern, der sich aus einem Markt zurückzieht, schafft damit selbst die Voraussetzung dafür, dass Dritte gerichtlich Zugriff auf seine Patente erhalten.
Das ist rechtlich eng verknüpft mit den Regelungen zur Zwangslizenz im russischen Zivilgesetzbuch (Artikel 1360), die es der Regierung erlauben, im Interesse der nationalen Sicherheit und öffentlichen Gesundheit Patente ohne Zustimmung des Inhabers nutzen zu lassen – ein Instrument, das seit den Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs deutlich häufiger angewendet wird als zuvor. Russland bewegt sich damit rechtlich in einer Grauzone des internationalen Patentrechts: Das TRIPS-Abkommen der Welthandelsorganisation erlaubt Zwangslizenzen grundsätzlich, etwa bei Versorgungsnotständen – die Frage, ob ein selbst verursachter Lieferstopp infolge von Sanktionen einen solchen Notstand begründet, bleibt jedoch international umstritten.
Der Markt, um den es geht
Die wirtschaftliche Dimension macht deutlich, warum sich dieser Streit lohnt. Laut Daten des Marktforschungsunternehmens RNC Pharma erreichten die Apothekenverkäufe von Adipositas-Medikamenten auf Basis von Semaglutid und Tirzepatid in Russland allein im ersten Quartal 2026 rund 17 Milliarden Rubel – gegenüber 5,2 Milliarden Rubel im Vorjahreszeitraum. Das entspricht mehr als einer Verdreifachung binnen eines Jahres. Global betrachtet gehört Semaglutid ohnehin zu den umsatzstärksten Wirkstoffen der Pharmageschichte: Ozempic und Wegovy erzielten gemeinsam einen Jahresumsatz im zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich, mit Wachstumsraten, die in der Branche ihresgleichen suchen.
Gleichzeitig gerät Novo Nordisks Patentschutz auch andernorts unter Druck – unabhängig vom russischen Sonderfall. In Indien hat der Delhi High Court dem Generikahersteller Dr. Reddy's vorläufig erlaubt, Semaglutid für Länder zu produzieren und zu exportieren, in denen der Patentschutz bereits ausgelaufen ist. Vor dem Europäischen Patentamt wurden zwei zentrale Formulierungspatente zur oralen Darreichungsform von Semaglutid widerrufen, nachdem Generikahersteller sie erfolgreich angefochten hatten. Und in mehreren großen Märkten – darunter Kanada, Brasilien, die Türkei und China – laufen die grundlegenden Wirkstoffpatente ohnehin im Jahr 2026 aus, was einen Wettlauf zahlreicher internationaler Generikahersteller ausgelöst hat.
Was das für die Branche bedeutet
Der Fall Geropharm gegen Novo Nordisk zeigt exemplarisch, wie geopolitische Realpolitik und Patentrecht kollidieren können – und wie schnell aus einer unternehmerischen Lieferentscheidung eine juristische Präzedenzfrage werden kann. Für Novo Nordisk steht dabei mehr auf dem Spiel als der russische Markt allein, dessen Umsatzbeitrag inzwischen ohnehin marginal ist: Jede erfolgreiche Zwangslizenzierung schafft ein juristisches Argumentationsmuster, auf das sich auch andere Länder mit angespannten Beziehungen zu westlichen Herstellern künftig berufen könnten.
Für die Pharmaindustrie insgesamt ist der Fall ein Signal, das über Semaglutid hinausweist: In einer Welt zunehmender geopolitischer Fragmentierung wird die klassische Annahme, dass ein Patent weltweit gleich viel wert ist, zunehmend brüchig. Lieferentscheidungen, die aus rein wirtschaftlicher oder logistischer Sicht sinnvoll erscheinen, können in bestimmten Rechtsordnungen zum Bumerang werden – mit direkten Folgen für globale Markt- und Preisstrategien.
Quellen
- GxP News, 25.05.2026 – Russian court grants Biokhimik compulsory licence for Novo Nordisk's semaglutide patents
- Vademecum, 12.08.2026 – Герофарм пытается получить в суде принудительную лицензию на семаглутид в таблетках
- BRICS Competition – Russia Issued a Compulsory License to Produce Analogues of Ozempic
- Geropharm, 06.10.2023 – GEROPHARM Relaunched Ozempic® in Russia, Under a New Name — Semavic®
- The Pharmaletter – Geropharm registers generic of Novo Nordisk's Ozempic in Russia
- El Global Farma, 21.02.2025 – Farmacéuticas rusas se lanzan a la semaglutida tras la salida de compañías internacionales del país
- Crane IP – Russian company intends to challenge Novo Nordisk patent on insulin derivatives
- Maucher Jenkins, 22.08.2025 – Ein Überblick über die Patentlandschaft zu Semaglutid
- Maiwald – Generika-Hersteller greifen Novo Nordisks Diabetes- und Gewichtsreduktionsmedikament an
- finanzen.ch, 08.12.2025 – Urteil erhöht Druck auf Novo Nordisk: Semaglutid-Patentschutz wackelt
- Medscape Deutschland, 07.10.2025 – Patentfreie Abnehmspritzen im Check: Chance auf günstige Therapien oder Risiko für Qualität und Sicherheit?
- Columbia Science and Technology Law Review – Understanding the Ozempic Patent Landscape
- Novo Nordisk A/S, SEC Form 6-K, FY2026 (Rechtsstreitigkeiten Indien/China)
- Pharmazeutische Zeitung, 21.01.2026 – Ozempic-Nachahmer kommen
- aktien-global.de, 01.02.2026 – Novo Nordisk Aktie: Patent bestätigt (China-Urteil)
Adrian Kempf
Redakteur für Pharma-Kommunikation, Grafik- und Mediengestalter,
Kirchzarten im Dreisamtal
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