Rekordinvestitionen, schwindender Anteil: Was die China-Aufholjagd für die Pharma-F&E-Strategie bedeutet
Die Zahlen aus dem aktuellen VCI-Bericht wirken auf den ersten Blick widersprüchlich: Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie hat 2025 mit knapp 16 Milliarden Euro so viel in Forschung und Entwicklung investiert wie nie zuvor – ein Anstieg von fast sechs Milliarden Euro gegenüber 2015. Gleichzeitig ist der Anteil der Branche an den weltweiten Patentanmeldungen im selben Zeitraum von 14 auf 7,6 Prozent gefallen, nahezu halbiert. Wer beide Zahlen nebeneinanderlegt, stößt auf die eigentliche Fragestellung, die hinter der VCI-Meldung steckt: Warum führt mehr Geld nicht mehr zu mehr Patentanmeldungen? Und was bedeutet das konkret für Unternehmen, die heute über ihre Forschungsstandorte entscheiden?
Die Dynamik hinter den Zahlen
Ein steigendes Forschungsbudget bei gleichzeitig sinkendem Patentanteil lässt sich nicht allein mit "weniger Innovationskraft" erklären. Mehrere Faktoren wirken hier zusammen, und sie betreffen die Pharmabranche in besonderem Maß, da sie laut VCI für mehr als 60 Prozent der gesamten Forschungsausgaben der Branche verantwortlich ist.
Erstens: Die Kosten für Forschung selbst steigen. Klinische Studien, insbesondere in späteren Phasen, sind heute regulatorisch aufwendiger und dadurch teurer als noch vor einem Jahrzehnt. Ein gleichbleibendes oder wachsendes Budget kann also real weniger Forschungsprojekte finanzieren, als die absolute Zahl suggeriert.
Zweitens: Patentanmeldungen sind kein neutraler Gradmesser für Forschungsleistung, sondern folgen auch strategischen und rechtlichen Logiken, die sich regional stark unterscheiden. China hat, wie der VCI-Vorsitzende Thomas Wessel es beschreibt, den Übergang von Forschung zu Marktreife systematisch mit Patentschutz flankiert. Das bedeutet: Ein Teil der chinesischen Patentflut ist auch das Ergebnis einer gezielten industriepolitischen Strategie, Forschungsergebnisse konsequent rechtlich abzusichern – unabhängig davon, wie stark die zugrunde liegende Innovation tatsächlich ist. Die Vervierfachung des chinesischen Anteils an globalen Chemie- und Pharma-Patentanmeldungen zwischen 2010 und 2024, von 5 auf 19 Prozent, ist damit auch ein Signal für staatlich geförderte Patentstrategie, nicht ausschließlich für einen Sprung in der Forschungsqualität.
Was die Standortverlagerung praktisch bedeutet
Der für die Branche vielleicht aufschlussreichste Einzelwert aus dem Bericht ist die Differenz zwischen den Erwartungen für Inland und Ausland: 29 Prozent der Unternehmen rechnen mit sinkenden Forschungsausgaben in Deutschland, nur rund jedes fünfte mit steigenden. Im Ausland dagegen erwarten 41 Prozent wachsende Budgets.
Für die Pharmaindustrie ist das keine abstrakte Standortdebatte, sondern eine sehr konkrete Portfolio-Frage: Wo werden neue Wirkstoffkandidaten in die klinische Entwicklung überführt, wo werden Produktionskapazitäten für neue Therapien aufgebaut, wo entstehen die regulatorischen und wissenschaftlichen Kompetenzzentren, die für die nächste Wirkstoffgeneration gebraucht werden? Eine Verschiebung von Forschungsbudgets ins Ausland verändert nicht nur die Kostenstruktur, sondern langfristig auch, wo Fachkompetenz, Zulieferstrukturen und regulatorisches Know-how sich konzentrieren.
Die Rolle der Rahmenbedingungen
Der VCI benennt drei Forderungen an die Politik: verlässliche Finanzierung, Einbettung der Forschungsförderung in breitere Sozial- und Wirtschaftsreformen, und mehr Berechenbarkeit insgesamt. Für die Pharmabranche lässt sich das noch etwas konkreter fassen. Verlässlichkeit bei der Finanzierung betrifft nicht nur direkte Forschungsförderung, sondern auch Rahmenbedingungen wie Zulassungsgeschwindigkeit, Erstattungssysteme und Planungssicherheit bei regulatorischen Vorgaben, die sich in den vergangenen Jahren mehrfach verändert haben. Ein Unternehmen, das eine zehnjährige Wirkstoffentwicklung plant, kalkuliert nicht nur mit den heutigen Zulassungsanforderungen, sondern mit der Erwartung, wie sich diese Anforderungen über die gesamte Entwicklungsdauer verändern könnten.
Einordnung für die Praxis
Für Unternehmen, die aktuell über Forschungsstandorte, Kooperationen oder Portfolioentscheidungen nachdenken, liefert der Bericht vor allem eine Warnung vor einer zu einfachen Lesart: Ein steigendes F&E-Budget allein ist kein Beleg für eine gestärkte Wettbewerbsposition, wenn gleichzeitig der Anteil an global relevanten Innovationsergebnissen sinkt. Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre wird sein, ob sich der beschriebene Trend – mehr Geld, aber ein schrumpfender Anteil an der weltweiten Patentlandschaft – umkehren lässt, oder ob er sich mit der wachsenden Verlagerung von Forschungsbudgets ins Ausland noch beschleunigt.
Quellen
Ausgangsmeldung
- WirtschaftsWoche, 26.08.2026 – Chemie steckt Rekordgelder in Forschung – und fürchtet China (dpa)
Verbreitung der dpa-Meldung (identischer Inhalt, verschiedene Redaktionen)
2. WLZ-Online, 26.08.2026 – Chemie steckt Rekordgelder in Forschung – und fürchtet China
3. news.at, 26.08.2026 – Deutsche Chemieindustrie steckt Rekordgelder in Forschung
4. Lippische Landes-Zeitung (LZ.de), 26.08.2026 – Chemie steckt Rekordgelder in Forschung – und fürchtet China
Primärquelle VCI
5. VCI-Pressemitteilung, 10.12.2025 – Bericht des VCI für das Jahr 2025 – Branchen-Kennzahlen (Original-Zahlenwerk: Umsatz, Produktion, Beschäftigung, Prognosen 2026)
6. Presseportal/VCI, 26.08.2026 – Innovationsbudgets der Branche sind hoch / Schwächere Perspektiven für den Forschungsstandort Deutschland (ergänzende Zahl: Anteil deutscher F&E-Ausgaben an globalen F&E-Ausgaben sinkt von 6,5 % auf 4,2 %)
Einordnende Wirtschaftsberichterstattung
7. Der Aktionär, 17.10.2025 – Bayer, Evonik, Merck investieren Milliarden – aber bleibt die Forschung in Deutschland?
8. Chemieindustrie-Online, 22.05.2025 – Chemie- und Pharmaindustrie plant Rekordinvestitionen in Forschung und Entwicklung für 2025
9. IT Boltwise, 26.08.2026 – VCI warnt vor Asien: Chemie- und Pharma-F&E steigt 2025 auf 16 Milliarden Euro
Adrian Kempf
Redakteur für Pharma-Kommunikation, Grafik- und Mediengestalter,
Kirchzarten im Dreisamtal
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